Ein paar Gedanken zum Brecht-Programm

 

Nachdem das erste gemeinsame Programm mit Alix Dudel - Mascha Kaléko: Sozusagen grundlos vergnügt - seit 2011 so glücklich verlaufen ist und ein Ende nicht abzusehen ist, beschlossen wir 2013, ein weiteres Programm zu entwickeln, diesmal komplett von Anfang an.

Nach langem Sichten und vielem Probieren entschieden wir uns für Brecht.



Warum wir mit Brecht?



Daß in dieser Welt einiges im Argen liegt wissen Sie auch ohne uns.

Die Art aber, wie Brecht das und all die anderen Aspekte menschlichen Seins in Worte fasst ist nach wie vor große Kunst. Und großartige Unterhaltung.

Denn das wollen wir heute vor allem - sie auf unsere Art unterhalten.



Abgesehen davon, daß einiges von Brecht Alix schon ihre gesamte Bühnenkarriere begleitet hat finden wir in seiner Lyrik so viel von allen Facetten auch heutigen Lebens wieder. Brecht mag alles andere als modern sein - an Aktualität haben die Texte, die wir ausgesucht haben aber ganz sicher nicht eingebüßt.

Dazu gleich mehr.



In der Musik vor allem von Eisler, aber auch Dessau und Weill (und einem frühen Stück von Bruinier) fanden wir so viel Großartiges, was sich mit etwas Fantasie letztlich organisch, wenn auch nicht ohne Aufwand auch auf die Gitarre übertragen ließ (nur einige wenige Stücke von Dessau sind für Gitarre geschrieben) - meiner Meinung nach stellt das eine echte Bereicherung für das Repertoire dar.




...Etwas Besonderes passiert beim „Schuh des Empedokles“ einem Erzählgedicht von Bertolt Brecht. Anfangs entwickelt sich ein sprachliches Fugato aus drei verschiedenen parallel gesprochenen Texten. Zwei Stimmen kommen rechts und links aus den Boxen, das Originalgedicht spricht Alix live darüber. In den kurzen Sprach- oder Sprechpausen der einen treten immer wieder schlagwortartig die anderen Stimmen in den Vordergrund.

Alles ist rhythmisch miteinander verwoben und kann auch als Gesamtklang einfach so! genossen werden. Nach einer Weile ziehen sich die Off-Stimmen zurück, man genießt die Ruhe, wenn nur eine (Dudel) spricht.

Und dann setzt die Musik ein.


„Der Schuh des Empedokles“ ist ein großartiger Text über die Legenden, die sich um den Tod des griechischen Meisters ranken. Über den Versuch, lieber glauben zu wollen anstatt selbst zu suchen: „Und so hielten die Schüler, schon beschäftigt, großes Geheimnis zu wittern, tiefe Metaphysik zu entwickeln, nur allzu beschäftigt, plötzlich bekümmert den Schuh des Lehrers in Händen, den greifbaren, abgetragenen, den aus Leder, den irdischen.“

Programmatisch.


Musikalisch begleitet wird der Text von der Etüde No 5 von Heitor Villa-Lobos, dem großen brasilianischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Wie gut sich seine Musik in dieses Programm einfügt und dabei die Geschichte von Empedokles komplementiert, ist eine meiner großen musikalischen Einsichten dieses Programms.




Die neuen Zeitalter.


Als wir dieses Gedicht an der Wand seiner letzten Wohnstätte in der Berliner Chausseestraße lasen, war die Richtung, die dieses Programm nehmen sollte, deutlich:

„... von den Antennen kamen die alten Dummheiten. Die Weisheit wurde von Mund zu Mund weitergegeben.“



...Natürlich wird Brecht nach wie vor als politisch wahrgenommen. Links.

Wahrscheinlich hat der klassenkämpferische Gestus, mit dem das Wiegenlied IV vorgetragen wurde: „...dass es auf dieser Welt//nicht mehr zweierlei Menschen gibt!“ - genügend Patina für den wohlverdienten Ruhestand angesammelt; – er wird nicht mehr benötigt. Der Gestus. Die Aussage aber wohl.

Und es bleibt große Lyrik und wunderbare Musik. Und wenn bei Brecht von „Tanks“, also Panzern, die Rede ist, so war das vor 15 Jahren weitaus mehr aus der Zeit gefallen als heute.

Unfassbar.



Und außerdem gibt es doch noch die skurrile Seite in seinem Werk, die wir so lieben.

(Das Lied vom „Kind, das sich nicht waschen wollte“, das den Besuch des Kaisers in der heimischen Wohnung, weil ungewaschen und somit unvorzeigbar, verpasst, dem im (unveröffentlichten Nachlass) ein Zweig aus dem Ohr wächst, der sich zu einem Pflaumenbaum - die es bei Brecht immer und überall gibt - auswächst, was dazu führt, dass das Kind im Schulhof vergraben wird, und dass die Pflaumen, die da ja immer noch wachsen, für 10 (- richtigen Preis einsetzen - ja - haben wir gemacht) Euro verkauft werden...


Und nicht weit entfernt die morbide Seite: Die Ballade vom ertrunkenen Mädchen!

„Als sie ertrunken war und hinunter schwamm...“, der geniale Tonsatz Hanns Eislers, geschrieben für Klavier, wie gemacht für die Gitarre, gesungen, wie nur Alix Dudel singt.


Und wunderschöne Lyrik über die Liebe wie das Jahrhundertgedicht „Erinnerung an die Marie A.“. Seitdem ich es kenne, sehe ich Wolken mit anderen Augen. Und als ehemaliger Freizeitsegelflieger habe ich Wolken schon sehr lange mit anderen Augen gesehen...


Oder wenn der Heider Hei die Tine Tippe um was bittet - um was wohl? und sie so sehr über ihn lacht – wie bezaubernd ist das denn bitte?!


Und Surabaya-Johnny – epische Gefühlswalze. Und das, wo man sich am Anfang des Songs doch so sehr vorgenommen hatte, dieses Mal die Nerven zu bewahren. (klappte nicht besonders lange...)


Lyrik, die uns in ihrer Kraft und ihrer musikalischen Umsetzung fasziniert und hoffentlich beglückt. Von Liebe zu Skurrillo und Morbido ist es in unserem Programm nur ein kurzer Weg...




...Es gibt einige, nicht immer ganz eindeutig abgegrenzte Sinn-Abschnitte in unserem Programm. Neben den oben erwähnten gibt es auch die Exil-Ecke:

Vertreibung, Flucht, Emigration und Fremdsein.

Aus dem Hollywooder Liederbuch von Eisler ist das „Hotelzimmer 1942“ einer der schönsten Liedsätze, die ich jemals auf Gitarre spielen durfte.

Das Alleinsein in fremdem Raum, Verbindung ist nur der Radioapparat, der die Siegesmeldungen der Feinde überträgt.

Ein Auszug aus der Anhörung Brechts vor dem McCarthy-Ausschuss - einer weiteren von mehreren Passagen in unserem Programm, wo Sie die Freude haben werden, mehreren Sprechern parallel zuhören zu dürfen - nehmen Sie mit, was Sie können - es wird genau so in Ordnung sein.

Dazwischen die Sonette. Eins erzählt von Vertrautem, weit weg, unerreichbar, und der Sehnsucht nach einem Zuhause in der Fremde.




Am Ende des Programms: die versöhnlichen „Vergnügungen“ über der Musik von Castelnuovo-Tedesco, einem (italienischen) Emigranten wie Brecht, Eisler und Dessau. Das Stück „Idilio de Abril“ stammt aus dem Zyklus „Platero y Yo“ für Sprecher und Gitarre - ist also für diese Besetzung konzipiert, der Text eben dieses Mal nicht vom Jimenez, dem Nobelpreisträger für Literatur 1956 sondern von Brecht, der am Ende schreibt:                „ ...freundlich sein“.




Dieses Programm ist also nicht modern. Aber aktuell.

Wir singen nicht über Anrufbeantworter, To-Do-Listen und werden es hoffentlich auch nie tun. Aber wir singen über das Leben und über uns. Und ich glaube, ein wenig zu sagen, haben wir schon.





Sebastian Albert, Hamburg im Februar 2015